Donnerstag, 18. Juni 2020

Übungen 14-16

1: Spontaner Luxus
Am Donnerstag den 28. Mai fuhr ich mit meinen Eltern und meiner Tochter in die nahe gelegene Kleinstadt Überlingen. Meine Eltern hatten beide Termine, Amélie und ich kamen mit, um unterdessen an der Uferpromenade spazieren zu gehen. Überlingen ist eine Stadt, der anzusehen ist, dass sie vom Tourismus lebt. Ein Café dränt sich neben das nächste, die Tische vor der Uferbar kuscheln sich an die des Karpfen.
Wir spazierten also am morgentlich leeren Ufer entlang und hielten Ausschau nach Enten und ersten Booten, da fiel Amélie ein, dass sie ein Eis wollte. Warum auch nicht. Also ging ich zum nächsten Eiscafé an die Theke und holte eine Kugel Erdbeereis. Eine Kugel kostet im Capri €1,40 und ist noch nicht einmal aus eigener Herstellung, dafür mit Alpensicht. Diesmal dachte ich sogar daran, eine Kinderkugel zu bestellen, um der halbaufgegessenen, triefenden rosaroten Soße auf Hand und Hemd vorzubeugen – und ich entschied mich kurzerhand, mir den Luxus eines Cappuccinos zu gönnen. Während also der Mann hinter der Theke im Dunkel des Cafés verschwand, pflanzte ich uns und unser tägliches Geraffel an einen Tisch, der schon in der Sonne stand.
Als Kind und Eis zufrieden saßen ging mein Blick zurück dahin, wo mein Kaffee hätte über die Theke gereicht werden sollen. Die Enttäuschung war groß, als der Mensch mir einen Pappbecher entgegenstreckte. Ich bin unkompliziert und kann mich anpassen aber gegen diese Pappdinger, die einmal verwendet werden und danach sogleich zu Müll verkommen, die, wie ich dachte längst überholt sind, und aus denen Kaffee immer nach Papier und Kleber schmeckt- zumindest in meinem Kopf- habe ich eine Aversion. Ich erwiderte sofort, dass ich den Kaffee hier trinken wolle und eine Tasse wünsche. Der Mann klärte mich aber auf, dass ich an der Theke nur „auf die Hand“ bestellen könne und, so ich mich setzen wolle, am Tisch bei einem Kellner bestellen müsse. Ich nahm das Pappteil mit dem hässlichen Aufdruck einer dampfenden Kaffeetasse entgegen und lenkte ein, dass ich das bei der Bestellung hätte erwähnen müssen. Der Mann streckte mir die Rechnung entgegen mit den Worten: „diesmal ist es schon okay, ihr könnt trotzdem an einem Tisch sitzen“. Ich war den Tränen nahe und bezahlte schweigend die €5,20. Oh, du spießiger Ort meiner Jugend.
>< >< ><
Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, weil ich es als so ungerecht empfand, dass der Mann mir keinen neuen Kaffee gemacht hat und dass er meinte nett zu sein, weil er mir erlaubte, mich zu setzen. Ich hätte den Kaffee am liebten stehen gelassen. Ich hatte keine Ahnung, dass es an der Eistheke nur zum Mitnehmen gab. Außer uns war fast keine Kundschaft da und es wäre wirklich kein Problem gewesen, mir einen neuen Kaffee zu machen. Ich wäre auch zufrieden gewesen, wen er mir den Kaffee umgeschüttet hätte.
Die Wahrnehmung der ausgebauten, durchkapitalisierten Uferpromenade hat mich erschüttert. Die perfektionierte Abfertigung von Besuchern hat mich geärgert.

2: Begegnung mit dem Nachbar
Gemeinsam mit meinem Papa war ich vor ein paar Tagen in einer Kleinstadt in der Nähe einen Kaffee trinken. Wir hatten Zeit zu überbrücken, weswegen wir uns in den Außenbereich des Café Capri setzten. Mir fielen die Markierungen auf dem Boden auf. Mit Pfeilen waren Richtungen angezeigt, die uns sagten wie wir uns bewegen sollten. Sicher, die Cafébetreiber wollten uns, ihrer Kundschaft, in Zeiten der Pandemie, das Gefühl eines sicheren Aufenthalts vermitteln. Einen Bogen Papier mussten wir auch ausfüllen mit Namen und Anschrift und im Café nebenan waren Plexiglasscheiben aufgestellt. Als wir bezahlt hatten und gerade aufgestanden waren, kam Reinhold, ein Nachbar aus unserem Dorf, zufällig dort vorbei. Wir sagten hallo und Reinhold ging mit ausgestreckter Hand und den Worten: „Na, traust du dich?“ auf meinen Papa zu. Mein Papa sagte in spaßigem Ton: „Dir gebe ich sowieso nicht die Hand, du Demokratiefeind und Coronaleugner!“, woraufhin Reinhard nur lachte. Dann erinnerte ich meinen Papa daran, dass wir gehen wollten, weil ich keine Lust auf Reinhards Verschwörungsmärchen und die wilde Diskussion hatte, die deren Rezitation zwangsläufig mit sich bringen würden.
>< >< ><
Leave no one behind. Eigentlich will ich den Nachbar überzeugen, abbringen von den Verschwörungsmärchen, ihm seine Privilegien aufzeigen. Der Mann hat ein Haus gebaut am Rande unseres Dorfes. Aus seinen Fenstern sieht er grüne Wiesen, den Wald und die Alpen und er geht auf Hygienedemos, findet, dass seine Rechte eingeschränkt werden. Wo ist seine Solidarität? Er denkt, dass nur Menschen von Corona betroffen sind, die Angst davor haben. wie kann jemand nur so ignorant und egoistisch elitär kann jemand sein?!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Übung 36 Proposal for dance video

Einreichung für die Ausschreibung zu einer Videoarbeit im ethnografischen Museum XY, die eine Verbindung zwischen zeitgenössischem und kla...