1: Spontaner Luxus
Am Donnerstag den 28. Mai fuhr ich mit meinen Eltern und meiner
Tochter in die nahe gelegene Kleinstadt Überlingen. Meine Eltern hatten
beide Termine, Amélie und ich kamen mit, um unterdessen an der
Uferpromenade spazieren zu gehen. Überlingen ist eine Stadt, der
anzusehen ist, dass sie vom Tourismus lebt. Ein Café dränt sich neben
das nächste, die Tische vor der Uferbar kuscheln sich an die des
Karpfen.
Wir spazierten also am morgentlich leeren Ufer entlang und hielten
Ausschau nach Enten und ersten Booten, da fiel Amélie ein, dass sie ein
Eis wollte. Warum auch nicht. Also ging ich zum nächsten Eiscafé an die
Theke und holte eine Kugel Erdbeereis. Eine Kugel kostet im Capri €1,40
und ist noch nicht einmal aus eigener Herstellung, dafür mit Alpensicht.
Diesmal dachte ich sogar daran, eine Kinderkugel zu bestellen, um der
halbaufgegessenen, triefenden rosaroten Soße auf Hand und Hemd
vorzubeugen – und ich entschied mich kurzerhand, mir den Luxus eines
Cappuccinos zu gönnen. Während also der Mann hinter der Theke im Dunkel
des Cafés verschwand, pflanzte ich uns und unser tägliches Geraffel an
einen Tisch, der schon in der Sonne stand.
Als Kind und Eis zufrieden saßen ging mein Blick zurück dahin, wo mein
Kaffee hätte über die Theke gereicht werden sollen. Die Enttäuschung
war groß, als der Mensch mir einen Pappbecher entgegenstreckte. Ich bin
unkompliziert und kann mich anpassen aber gegen diese Pappdinger, die
einmal verwendet werden und danach sogleich zu Müll verkommen, die, wie
ich dachte längst überholt sind, und aus denen Kaffee immer nach Papier
und Kleber schmeckt- zumindest in meinem Kopf- habe ich eine Aversion.
Ich erwiderte sofort, dass ich den Kaffee hier trinken wolle und eine
Tasse wünsche. Der Mann klärte mich aber auf, dass ich an der Theke nur
„auf die Hand“ bestellen könne und, so ich mich setzen wolle, am Tisch
bei einem Kellner bestellen müsse. Ich nahm das Pappteil mit dem
hässlichen Aufdruck einer dampfenden Kaffeetasse entgegen und lenkte
ein, dass ich das bei der Bestellung hätte erwähnen müssen. Der Mann
streckte mir die Rechnung entgegen mit den Worten: „diesmal ist es schon
okay, ihr könnt trotzdem an einem Tisch sitzen“. Ich war den Tränen
nahe und bezahlte schweigend die €5,20. Oh, du spießiger Ort meiner
Jugend.
>< >< ><
Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, weil ich es als so ungerecht
empfand, dass der Mann mir keinen neuen Kaffee gemacht hat und dass er
meinte nett zu sein, weil er mir erlaubte, mich zu setzen. Ich hätte den
Kaffee am liebten stehen gelassen. Ich hatte keine Ahnung, dass es an
der Eistheke nur zum Mitnehmen gab. Außer uns war fast keine Kundschaft
da und es wäre wirklich kein Problem gewesen, mir einen neuen Kaffee zu
machen. Ich wäre auch zufrieden gewesen, wen er mir den Kaffee
umgeschüttet hätte.
Die Wahrnehmung der ausgebauten, durchkapitalisierten Uferpromenade
hat mich erschüttert. Die perfektionierte Abfertigung von Besuchern hat
mich geärgert.
2: Begegnung mit dem Nachbar
Gemeinsam mit meinem Papa war ich vor ein paar Tagen in einer
Kleinstadt in der Nähe einen Kaffee trinken. Wir hatten Zeit zu
überbrücken, weswegen wir uns in den Außenbereich des Café Capri
setzten. Mir fielen die Markierungen auf dem Boden auf. Mit Pfeilen
waren Richtungen angezeigt, die uns sagten wie wir uns bewegen sollten.
Sicher, die Cafébetreiber wollten uns, ihrer Kundschaft, in Zeiten der
Pandemie, das Gefühl eines sicheren Aufenthalts vermitteln. Einen Bogen
Papier mussten wir auch ausfüllen mit Namen und Anschrift und im Café
nebenan waren Plexiglasscheiben aufgestellt. Als wir bezahlt hatten und
gerade aufgestanden waren, kam Reinhold, ein Nachbar aus unserem Dorf,
zufällig dort vorbei. Wir sagten hallo und Reinhold ging mit
ausgestreckter Hand und den Worten: „Na, traust du dich?“ auf meinen
Papa zu. Mein Papa sagte in spaßigem Ton: „Dir gebe ich sowieso nicht
die Hand, du Demokratiefeind und Coronaleugner!“, woraufhin Reinhard nur
lachte. Dann erinnerte ich meinen Papa daran, dass wir gehen wollten,
weil ich keine Lust auf Reinhards Verschwörungsmärchen und die wilde
Diskussion hatte, die deren Rezitation zwangsläufig mit sich bringen
würden.
>< >< ><
Leave no one behind. Eigentlich will ich den Nachbar überzeugen,
abbringen von den Verschwörungsmärchen, ihm seine Privilegien aufzeigen.
Der Mann hat ein Haus gebaut am Rande unseres Dorfes. Aus seinen
Fenstern sieht er grüne Wiesen, den Wald und die Alpen und er geht auf
Hygienedemos, findet, dass seine Rechte eingeschränkt werden. Wo ist
seine Solidarität? Er denkt, dass nur Menschen von Corona betroffen
sind, die Angst davor haben. wie kann jemand nur so ignorant und
egoistisch elitär kann jemand sein?!
Donnerstag, 18. Juni 2020
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Übung 36 Proposal for dance video
Einreichung für die Ausschreibung zu einer Videoarbeit im ethnografischen Museum XY, die eine Verbindung zwischen zeitgenössischem und kla...
-
Personal Ad Über mich ist zu sagen, dass ich ein fröhlicher Mensch bin, Ich bin kreativ, nur kann ich meine Ideen und Ideenansätze ni...
-
Letzte Woche fuhr ich zu meinem Arbeitszimmer, das an einem abgelegenen Parkplatz liegt. Als ich die Tür öffnete, sah ich die ausgelehrte ...
-
1: Spontaner Luxus Am Donnerstag den 28. Mai fuhr ich mit meinen Eltern und meiner Tochter in die nahe gelegene Kleinstadt Überlingen. M...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen