Donnerstag, 18. Juni 2020

Übung 6

Letzte Woche fuhr ich zu meinem Arbeitszimmer, das an einem abgelegenen Parkplatz liegt. Als ich die Tür öffnete, sah ich die ausgelehrte Handtasche dort in der Ecke liegen. Ich sammelte den verstreuten Inhalt der Handtasche in eine Plastiktüte und fand auch sogleich auf dem Personalausweis, der sich unter den Dingen befand, Namen und Adresse der Besitzerin des Sammelsuriums. Wohl wissend, dass die Person ausgeraubt worden war, fuhr ich ein paar Stunden später auf dem Rückweg bei ihr vorbei und klingelte an dem mit Buchsbaum gesäumten Eingang. Ein Mann meldete sich durch die Fernsprecheinrichtung und ich fraget mich, ob er mich durch die Kamera an der Klingel sehen könne. Minuten später kam ein älterer Mann aus der Tür des Neubaus und war sehr erfreut, dass ich die Tasche seiner Frau zurückbrachte. Es war ihm ein Anliegen, das genaue wann und wo meines Fundes zu erfahren, und mit mir dann den Hergang des Diebstahl-Vorgangs, zu rekonstruieren. Das alles dauerte mir etwas lange, ich wollte nachhause zum Abendessen fahren und so passte ich einen Moment ab, der Geschichte zu entwischen. Das war aber genau jener Moment, in dem der Mann seinen Geldbeutel hervornahm und darin einen 50-Euroschein hervorfummelte mit Worten wie: „Lassen Sie mich nun wenigstens…“ Da hatte ich ihn schon unterbrochen, dass das keinesfalls in Frage käme, sprang die fünf Stufen hinab und schwing mich auf mein Rad— schnell heim zu meinen Lieben.

Der Fund der Handtasche war schon aufregend für mich. Nichts von Wert war dabei außer vielleicht emotionale Bande der Besitzerin mit ihrer Tasche und dem kleinen, mit Perlen bestickten Portemonnaie. Aufregender war es anhand des Personalausweises, sowohl (früheren) Arbeitsort, Organisation des sozialen Engagements, als auch den Wohnort zu recherchieren und die Person bei Facebook zu finden. Interessant zu sehen war dann der noble Neubau in einer ruhigen Seitenstraße mit Schrebergärten nebenan, großzügigen Balkonen und Fensterfronten. Am meisten aber hat mich der Moment berührt, in dem mir der ältere Herr den Geldschein geben wollte. An 50 Euro teilen sich die Menschen in verschiedene Gruppen auf. Für den einen ist es Ausdruck einer ernst gemeinten Geste des Dankes und der Aufmerksamkeit, nicht zu nichtig, nicht zu wichtig. Für mich aber sind 50 Euro mehr oder weniger ein Unterschied. Entweder ich habe einen Schein in der Tasche oder nicht.
An sich hätte es keinen Unterschied gemacht, hätte ich das Geld angenommen. Der Mann hätte die Genugtuung verspürt, nett gewesen zu sein. Ich hätte mir davon ein paar neue Hosen gekauft. Oder halt Erdbeeren und so für die Mädels. Allein mein Stolz (war es das?) hat das nicht zugelassen. Verstecken konnte ich mich nicht. Die Unterschiede des Wohlstands, mein jugendliches Auftreten, ungeschminkt und lässig – sein Alter, sein bürgerlich ordentliches Hemd, die Geldbörse, die er hervornahm und natürlich auch das gute Stück, dass ich zurückgebracht hatte.
Ich kann noch nicht einmal genau sagen, warum ich beim Wegfahren die Tränen unterdrücken musste. Die Frage bleibt, was gewesen wäre, wenn ich gestylt chic gekleidet aus einem netten Auto gestiegen wäre.

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