Letzte
Woche fuhr ich zu meinem Arbeitszimmer, das an einem abgelegenen
Parkplatz liegt. Als ich die Tür öffnete, sah ich die ausgelehrte
Handtasche dort in der Ecke liegen. Ich sammelte den verstreuten Inhalt
der Handtasche in eine Plastiktüte und fand auch sogleich auf dem
Personalausweis, der sich unter den Dingen befand, Namen und Adresse der
Besitzerin des Sammelsuriums. Wohl wissend, dass die Person ausgeraubt
worden war, fuhr ich ein paar Stunden später auf dem Rückweg bei ihr
vorbei und klingelte an dem mit Buchsbaum gesäumten Eingang. Ein Mann
meldete sich durch die Fernsprecheinrichtung und ich fraget mich, ob er
mich durch die Kamera an der Klingel sehen könne. Minuten später kam ein
älterer Mann aus der Tür des Neubaus und war sehr erfreut, dass ich die
Tasche seiner Frau zurückbrachte. Es war ihm ein Anliegen, das genaue
wann und wo meines Fundes zu erfahren, und mit mir dann den Hergang des
Diebstahl-Vorgangs, zu rekonstruieren. Das alles dauerte mir etwas
lange, ich wollte nachhause zum Abendessen fahren und so passte ich
einen Moment ab, der Geschichte zu entwischen. Das war aber genau jener
Moment, in dem der Mann seinen Geldbeutel hervornahm und darin einen
50-Euroschein hervorfummelte mit Worten wie: „Lassen Sie mich nun
wenigstens…“ Da hatte ich ihn schon unterbrochen, dass das keinesfalls
in Frage käme, sprang die fünf Stufen hinab und schwing mich auf mein
Rad— schnell heim zu meinen Lieben.
Der Fund der Handtasche war schon aufregend für mich. Nichts von Wert
war dabei außer vielleicht emotionale Bande der Besitzerin mit ihrer
Tasche und dem kleinen, mit Perlen bestickten Portemonnaie. Aufregender
war es anhand des Personalausweises, sowohl (früheren) Arbeitsort,
Organisation des sozialen Engagements, als auch den Wohnort zu
recherchieren und die Person bei Facebook zu finden. Interessant zu
sehen war dann der noble Neubau in einer ruhigen Seitenstraße mit
Schrebergärten nebenan, großzügigen Balkonen und Fensterfronten. Am
meisten aber hat mich der Moment berührt, in dem mir der ältere Herr den
Geldschein geben wollte. An 50 Euro teilen sich die Menschen in
verschiedene Gruppen auf. Für den einen ist es Ausdruck einer ernst
gemeinten Geste des Dankes und der Aufmerksamkeit, nicht zu nichtig,
nicht zu wichtig. Für mich aber sind 50 Euro mehr oder weniger ein
Unterschied. Entweder ich habe einen Schein in der Tasche oder nicht.
An sich hätte es keinen Unterschied gemacht, hätte ich das Geld
angenommen. Der Mann hätte die Genugtuung verspürt, nett gewesen zu
sein. Ich hätte mir davon ein paar neue Hosen gekauft. Oder halt
Erdbeeren und so für die Mädels. Allein mein Stolz (war es das?) hat das
nicht zugelassen. Verstecken konnte ich mich nicht. Die Unterschiede
des Wohlstands, mein jugendliches Auftreten, ungeschminkt und lässig –
sein Alter, sein bürgerlich ordentliches Hemd, die Geldbörse, die er
hervornahm und natürlich auch das gute Stück, dass ich zurückgebracht
hatte.
Ich kann noch nicht einmal genau sagen, warum ich beim Wegfahren die
Tränen unterdrücken musste. Die Frage bleibt, was gewesen wäre, wenn ich
gestylt chic gekleidet aus einem netten Auto gestiegen wäre.
Donnerstag, 18. Juni 2020
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